Fachbereich Zahnmedizin
Ernährungsmedizin in der Zahnmedizin
Wie stark parodontales Gewebe auf Biofilm reagiert, hängt auch von der Ernährung des Patienten ab. Die Studienlage dazu ist in den letzten Jahren deutlich belastbarer geworden.
Diese Seite fasst zusammen, was dazu vorliegt: die Mechanismen, die untersuchten Phytonährstoffe und die Frage, wie sich das in einen bestehenden Prophylaxe-Ablauf einfügt.
Parodontitis
Die Zahlen hinter der Diagnose
Quelle: DMS V
Quelle: DMS V
Quelle: DMS V
Quelle: Roßberg / Wölber
Pathophysiologie
Von der Zahnfleischtasche in den Kreislauf
Im entzündeten Parodont werden neutrophile Granulozyten, Makrophagen und Th17-Zellen aktiviert. Sie setzen proinflammatorische Zytokine frei, vor allem IL-1β, IL-6 und TNF-α. Gleichzeitig gelangen bakterielle Produkte und Endotoxine aus dem Sulkus in die Blutbahn.
Die Folgen sind messbar. Die Akutphaseantwort steigt, CRP und Serum-Amyloid A erhöhen sich, die vaskuläre Funktion verschlechtert sich. Nach parodontaler Therapie gehen CRP und Fibrinogen wieder signifikant zurück. Dass beide Werte auf die Behandlung reagieren, gehört zu den stärkeren Hinweisen auf einen kausalen Anteil.
Das Spektrum der assoziierten Erkrankungen ist entsprechend breit: Atherosklerose und Myokardinfarkt, Diabetes mellitus Typ 2, rheumatoide Arthritis, neurodegenerative Erkrankungen. Bei Leistungssportlern kommt hinzu, dass alltägliche Belastungen bei bestehender Parodontitis deutlich häufiger zu Bakteriämien führen.
Was daraus folgt
Die Datenlage beschreibt Parodontitis damit als chronische Entzündungserkrankung mit systemischer Komponente. Für die Behandlung wird daneben die Frage relevant, wie entzündungsbereit das Gewebe eines Patienten überhaupt ist.
Entzündungskaskade
- 01
Parodont — lokal
Th17MakrophagenIL-1βIL-6TNF-α - 02
Blutbahn
EndotoxineBakteriämieCRP ↑SAA ↑ - 03
Systemische Zielorgane
- Gefäße
- Atherosklerose, Myokardinfarkt
- Stoffwechsel
- Diabetes mellitus Typ 2
- Gelenke, ZNS
- RA, Neurodegeneration
Individuelle Entzündungsbereitschaft
Warum zwei Patienten mit gleichem Befund unterschiedlich verlaufen
Jede Praxis kennt diese Fälle: vergleichbarer Befund, vergleichbare Mundhygiene, völlig unterschiedlicher Verlauf. Ein Teil dieser Streuung geht auf die Entzündungsbereitschaft des Gewebes zurück, und die wird unter anderem über die Ernährung moduliert.
Widén und Kollegen haben das 2015 ungewöhnlich anschaulich gezeigt. Der tägliche Verzehr von Heidelbeeren reduzierte die Zahnfleischblutung bei Gingivitis-Patienten signifikant, unabhängig von der täglichen Mundhygiene. Die Reduktion übertraf in dieser Untersuchung sogar den Effekt einer professionellen Zahnreinigung.
Für sich genommen trägt eine einzelne Untersuchung keine Therapieentscheidung. Sie markiert aber eine Stellschraube, die sich messen lässt.
Wirkprinzipien
Vier Phytonährstoffe, vier Ansatzpunkte
Sekundäre Pflanzenstoffe greifen an unterschiedlichen Stellen der Entzündungskaskade an. Für die Parodontologie sind vier davon gut untersucht.
Curcumin
Ansatzpunkt: NF-κB-Signalweg
Curcumin hemmt NF-κB und senkt darüber die Expression proinflammatorischer Mediatoren wie COX-2 und MMP-9. In klinischen Untersuchungen zeigten sich Verbesserungen bei Sondierungstiefen, Plaque- und Blutungsindex sowie eine antibakterielle Wirkung gegen P. gingivalis und T. denticola. Shakibaei und Kollegen konnten zudem einen protektiven Effekt auf Binde- und Knorpelgewebe gegenüber IL-1β-induzierter Degeneration zeigen.
Übersichtsarbeit: Forouzanfar et al. 2020
Anthocyane
Ansatzpunkt: COX/LOX, orales Mikrobiom
Die Farbstoffe aus Heidelbeeren, schwarzen Johannisbeeren, Trauben und Rotkohl neutralisieren freie Radikale und blockieren COX- und LOX-Enzyme. Beschrieben ist außerdem eine Reduktion parodontitis-assoziierter Keime wie P. gingivalis und A. actinomycetemcomitans sowie eine Förderung der Wundheilung.
Klinische Untersuchung: Widén et al. 2015
Boswellia
Ansatzpunkt: 5-Lipoxygenase
Boswelliasäuren hemmen die 5-LOX und blockieren die Bildung von Prostaglandin E2, einen Weg, den klassische COX-Hemmer nicht erfassen. Antibakterielle Effekte sind für Streptococcus mutans und Fusobacterium nucleatum beschrieben, dazu eine Unterstützung der Geweberegeneration.
[TODO: Quellenangabe vor Livegang ergänzen]
Bromelain
Ansatzpunkt: Proteolyse, Mikrozirkulation
Das Enzymgemisch aus der Ananas baut entzündliche Ablagerungen proteolytisch ab, verbessert die Mikrozirkulation und wirkt antithrombotisch. Über die Hemmung von Bradykinin kommt eine schmerzlindernde Komponente hinzu.
[TODO: Quellenangabe vor Livegang ergänzen]
Alle vier Substanzen greifen adjuvant an, parallel zur parodontalen Therapie.
Praxisablauf
Kombination mit Guided Biofilm Therapy
Das achtstufige GBT-Protokoll ist in vielen Praxen etabliert. An mehreren Stellen lässt es sich um die Ernährungsebene erweitern, ohne den Ablauf zu verändern.
Diagnose, Aufklärung, Biofilm-Anfärben
unverändert
Patienteninstruktion
Hier gehört die Ernährungsberatung hin. Anthocyane, Curcumin, Boswellia und Bromelain lassen sich als konkrete Empfehlung mitgeben, im selben Gespräch, in dem ohnehin über Putztechnik gesprochen wird.
Airflow-Reinigung
unverändert
Perioflow
Boswellia-haltige Anwendung
Piezon-Ultraschall
Bromelain-Unterstützung
Kontrolle
unverändert
Recall & Nachsorge
Die Ernährungsintervention ist der Inhalt, der den Recall über die reine Terminvergabe hinaus trägt.
Dazu kommt ein ernährungsphysiologischer Aspekt: Gingivales Gewebe hat eine der höchsten Umsatzraten im gesamten Organismus. Zwischen Proteinaufnahme und Parodontitis-Häufigkeit besteht ein inverser Zusammenhang, und ausgeprägter Proteinmangel führt zu parodontalen Läsionen und Zahnverlust. Bei älteren Patienten und bei Patienten unter Gewichtsreduktion ist das ein konkretes Risiko. Die Zahnarztpraxis sieht es oft früher als jeder andere Behandler.
Metaflammation
Parodontitis und Stoffwechselerkrankungen teilen sich eine Ursache
Nichtübertragbare Erkrankungen wie Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2 und kardiovaskuläre Erkrankungen entstehen im Kontext einer Metaflammation. Der Begriff beschreibt eine chronisch niedriggradige systemische Entzündung, die aus Stoffwechselveränderungen hervorgeht. Ungünstige Ernährung, Bewegungsmangel und viszerale Adipositas sind die wesentlichen Treiber.
Parodontitis gehört in dieselbe Pathophysiologie. Das erklärt die bidirektionalen Zusammenhänge zu Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Beide Bilder sind Manifestationen desselben Grundgeschehens.
Für die Intervention ist das eine Entlastung. Eine antiinflammatorische Ernährung, mikronährstoff- und ballaststoffreich, niederglykämisch und präbiotisch im Muster der mediterranen Kost, wirkt auf beide Seiten gleichzeitig. Studien zeigen unter solchen Ernährungsformen Verbesserungen parodontaler Parameter ebenso wie systemischer Entzündungsmarker.
Gemeinsamer Nenner
Metaflammation
Umsetzung
Messen, beraten, handeln in der Zahnarztpraxis
Messen
Die Bioelektrische Impedanzanalyse macht sichtbar, was der Blick in den Mund nicht zeigt: Körperzusammensetzung, Zellgesundheit, Entzündungslage. Für die Parodontologie ist besonders der Phasenwinkel interessant, weil er als Marker für Zellintegrität und Ernährungszustand gilt. Die Messung dauert wenige Minuten und läuft im Prophylaxe-Termin mit.
Beraten
Aus der Messung entsteht eine Auswertung, die dem Patienten seinen eigenen Status zeigt. Erfahrungsgemäß wird das Ernährungsgespräch erst an diesem Punkt anschlussfähig, weil es an einem persönlichen Befund hängt statt an einer allgemeinen Empfehlung.
Handeln
Für den Einstieg braucht es etwas, das im Alltag des Patienten funktioniert. Bilanzierte Trinkmahlzeiten erfüllen die genannten Kriterien: mikronährstoffreich, niederglykämisch, mit definierter Proteinzufuhr. Sie senken die Einstiegshürde. Die Essgewohnheiten werden parallel dazu angepasst.
Der zahnärztliche Rahmen bleibt gewahrt: Es geht um Erkennen, Ansprechen und strukturiertes Weiterleiten. Wer weitergehen will, qualifiziert das eigene Team.
Praxisnutzen
Was das für Ihre Praxis bedeutet
Ein Prophylaxe-Angebot mit Unterscheidungsmerkmal
Ernährungsscreening und BIA sind in der zahnärztlichen Prophylaxe die Ausnahme. Wer sie anbietet, hat im lokalen Umfeld ein Argument, das sonst kaum jemand führt.
Recall mit Inhalt
Ein Recall-Termin, bei dem sich messbar etwas verändert hat, wirkt anders als eine reine Terminerinnerung. Das schlägt sich in der Wiederkehrquote nieder.
Ein zusätzliches Selbstzahlerangebot
Die Leistung lässt sich außerhalb des Kassenkatalogs abbilden und erschließt einen bisher unbedienten Bereich.
Interdisziplinäre Anschlussfähigkeit
Die Parodontitis-Kardio-Diabetes-Achse ist ein belastbarer Anlass für den Austausch mit Hausärzten, Internisten und Kardiologen im Umfeld, in beide Richtungen.
Referent
Fachliche Grundlage
Dr. med. dent. Matthias Roßberg
Zahnarzt mit Schwerpunkt Parodontologie. Seit 2008 Dozent im Masterstudiengang „Parodontologie und Implantattherapie“ an der Universität Freiburg. Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der sportärztezeitung.
Die auf dieser Seite dargestellten Zusammenhänge basieren auf seinen Fachbeiträgen zur ganzheitlichen Mundgesundheit und zur Ernährungszahnmedizin sowie auf der gemeinsam mit Prof. Dr. med. dent. Johan Wölber (Universitätsklinikum Freiburg) veröffentlichten Arbeit zur Bedeutung der Parodontitis für die kardiovaskuläre Risikobewertung.
Fragen & Antworten
Häufige Fragen
Ist Ernährungsberatung in der Zahnarztpraxis überhaupt zulässig?
Ja. Ernährungsberatung im Sinne von Prävention und Aufklärung ist keine geschützte Tätigkeit und gehört zum zahnärztlichen Präventionsauftrag. Für die strukturierte Umsetzung empfiehlt sich eine Qualifikation des Prophylaxe-Teams. Von einer Ernährungstherapie bei manifesten Erkrankungen ist das abzugrenzen; hier gehört die Abstimmung mit dem behandelnden Arzt dazu.
Wie viel Zeit kostet das im Praxisablauf?
Die BIA-Messung dauert wenige Minuten und läuft im Prophylaxe-Termin mit. Das Auswertungsgespräch benötigt etwa zehn bis fünfzehn Minuten und wird in der Regel vom Prophylaxe-Team geführt, nicht vom Behandler.
Ersetzen Phytonährstoffe die parodontale Therapie?
Nein. Instrumentierung und Biofilmmanagement bleiben die Grundlage der Behandlung. Phytonährstoffe wirken auf die Entzündungsbereitschaft des Gewebes und ergänzen die mechanische Therapie, sie treten nicht an deren Stelle.
Welche Evidenz gibt es für den Zusammenhang zwischen Parodontitis und Herz-Kreislauf-Erkrankungen?
Der Zusammenhang ist über mehrere Mechanismen belegt: erhöhte Bakteriämie-Raten, Anstieg von CRP und Fibrinogen mit signifikantem Rückgang nach parodontaler Therapie sowie messbar erhöhte Pulswellengeschwindigkeit als Marker der Gefäßalterung.
Für welche Patienten ist das besonders relevant?
Für Patienten mit rezidivierender Parodontitis trotz regelmäßiger Prophylaxe, für Diabetiker, für Patienten mit metabolischem Syndrom sowie für ältere Patienten mit Verdacht auf unzureichende Proteinversorgung. Bei Leistungssportlern kommt die erhöhte Bakteriämie-Belastung hinzu.
Muss die Praxis Produkte verkaufen?
Nein. Das Konzept funktioniert auch als reines Screening- und Beratungsangebot mit Weiterleitung. Ob und in welchem Umfang Produkte in der Praxis abgegeben werden, entscheidet die Praxis selbst.
Erstgespräch
Prüfen Sie, ob das zu Ihrer Praxis passt
Im Erstgespräch klären wir, wie sich Ernährungsscreening und BIA in Ihren Prophylaxe-Ablauf einfügen, welche Qualifikation Ihr Team dafür braucht und mit welchem Aufwand Sie rechnen müssen. Das Gespräch ist unverbindlich.
Quellen und weiterführende Literatur
- Roßberg M.: Ganzheitliche Mundgesundheit. sportärztezeitung
- Roßberg M.: Ernährungszahnmedizin & Prophylaxe. sportärztezeitung
- Roßberg M., Wölber J.: Zahnmedizin / Sportzahnmedizin – Bedeutung für Sportler. sportärztezeitung
- Widén C. et al. (2015): Einfluss von Heidelbeeren auf gingivale Entzündungsparameter
- Forouzanfar F. et al. (2020): Übersichtsarbeit zu Curcumin in der Zahnmedizin
- Shakibaei M. et al.: Arbeiten zur NF-κB-Hemmung durch Curcumin
- Fünfte Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS V)
- Quintessenz Zahnmedizin, Ausgabe 09/2026
Stand und fachliche Prüfung: Zuletzt aktualisiert am [TODO: Datum]. Fachlich geprüft von Dr. med. dent. Matthias Roßberg. Die Inhalte richten sich an medizinische Fachkreise und ersetzen keine eigenständige fachliche Bewertung im Einzelfall.